AN#1 Kalmers Ankunft


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Langsam drehte er sich um und beobachtete, wie sich das rechteckige, wabernde, blaue Energiefeld, welches er gerade verlassen hatte, langsam auflöste und in sich zusammenfiel. Danach blickte er auf den schwarzen, leicht unförmigen Stein in seiner rechten, gepanzerten Hand und steckte das wertvolle Artefakt in die dafür vorgesehene kleine Tasche an seinem massiven Gürtel.
Seine Augen stellten sich langsam auf das dämmrige Licht ein, welches den weitläufigen Hohlraum unter der Oberfläche von Antiriad schwach ausleuchtete. Er war erst wenige Male an diesem Ort gewesen und es faszinierte ihn jedes Mal wieder, wie die Erbauer dieser Anlage es geschafft haben mochten, einem gleichzeitig ein heimeliges Gefühl der Geborgenheit und gleichzeitig ein unwirkliches Gefühl von Bedrohung und Fremdheit beim Betreten der Ankunftshalle zu übermitteln.
Dabei konnten die Erbauer doch keine Ahnung vom dunklen Pfad gehabt haben und davon, dass dieser hier enden würde, dachte er dabei.
Zu weiteren Überlegungen kam er nicht mehr, da einer der Wächter bereits auf seine Ankunft aufmerksam geworden war und sich ihm näherte. Eine riesenhafte, den Albträumen fantasievoller Menschen entsprungen scheinende Monstrosität war es, was sich Kalmer da näherte. Auf acht langen, behaarten Beinen geschwind herangleitend näherte sie sich. Eine Riesenspinne, hässlich wie die Nacht. Einen Meter vor ihm baute sie sich auf und es schien, als würde sie alle vier kalt glänzenden Augenpaare zugleich auf ihn richten. Ellbogenlange Kieferzangen endeten gefährlich nahe vor seinem Hals und er konnte direkt in das blicken, was den Rachen dieses Monsters darstellen sollte.
„Was kann ich für dich tun, Kalmer?“, vernahm er die kratzige Stimme des Wesens. Es erleichterte ihn, dass er wiedererkannt wurde. Er hatte die Anlage bereits vor Jahren entdeckt, aber bis heute verstand er nicht, warum diese Wesen ihm dienten. Und jedes Mal aufs Neue überraschte ihn die Unterwürfigkeit und Hilfsbereitschaft, wenn er hier auftauchte.
„Ich bin müde und möchte ein wenig ruhen. Kannst du das veranlassen?“
„Sehr gerne mein Herr!“, kam die knarzende Antwort, ohne jede Verzögerung.
„Folge mir bitte in dein Quartier.“
Die Riesenspinne machte kehrt und gleitete auf ihren acht Beinen wie schwebend über den unebenen Boden der Höhle. Kalmer musste auf die Unebenheiten achten, um nicht zu stolpern, blieb der Spinne jedoch dicht auf den Fersen.
Wie schon bei seinen früheren Besuchen faszinierte ihn das hier herrschende Spiel der Schwerkräfte. Von seinen Technikerzwergen war er auf eine geringe Schwerkraft am Himmelstrabanten vorbereitet worden und doch merkte er davon nichts. Und mehr noch: beim Erreichen des Punktes in der Höhle, wo sich oben an der Decke ein horizontaler, ebenfalls leicht ausgeleuchteter Schacht nach oben befand, wurde er plötzlich schwerelos. Er hatte es bei seinen früheren Besuchen schon mitbekommen und gelernt, wie man damit umzugehen hatte. Er vermied schnelle, willkürliche Bewegungen und gleitete mit angewinkelten Beinen in die Mitte des Feldes, um sich dort leicht vom Boden abzustoßen. Nun schwebte er langsam, der Riesenspinne folgend in die Höhe. Nach etwa zwanzig Metern Steigflug wurde er von einem leichten Sog in eine andere Höhle hineingezogen. Hier wartete geduldig der Dämon auf ihn.
Dieser schwebte mit leichtem Flügelschlag mitten in der felsigen Höhle und starrte ihn mit feurigen Augen an. Der ganze Körper war dunkelrot, das Gesicht eine Fratze. Er trug Hörner, hatte krallenbewehrte Hände und einer der Füße war durch einen Huf verunstaltet. Ein Schweif, mit dreizackigem Dorn ergänzte das Bild es mit einem echten Teufel zu tun zu haben.
Dem Bild widersprach aber sein Verhalten. Mit süßlich-, verführerischer Stimme sprach er zu seinem Gast:
„Willkommen, Kalmer. Es ist mir eine Freude dich hier wiederzusehen. Das Bett ist gerichtet und ein Bad vorbereitet. Kann ich sonst noch irgendwie dienlich sein?“
Kalmer überlegte kurz und äußerte seine Wünsche:
„Weck mich bitte in acht Stunden und bereite mir ein Frühstück, wie beim letzten Mal vor. Nur den Kaffee diesmal mit Schlagobers bitte.“
Der Dämon verneigte sich und machte den Weg für Kalmer frei. Beim Vorbeigehen drehte sich dieser noch einmal dem Dämonen zu und ergänzte seine Wunschliste:
„Und bitte wieder das Lied vom letzten Mal spielen!“
Abermals nickte der Dämon.
„Dein Wunsch sei mir Befehl.“
Kalmer betrat durch eine wunderschön verzierte Holztür am Ende der Höhle einen prunkvoll ausgestatteten Schlafraum.
Aus unsichtbaren Lautsprechern hörte man die ersten Akkorde der alten Guns’n Roses Ballade „Knocking on heavens Door“ und Kalmer ging zufrieden auf einen Spiegeleschrank zu. Viel besser als das Zeug, was sie auf Arca-Nihil Musik nennen, freute er sich. Die auf der Innenseite mit Seidenpolstern gefütterte Holztür hatte sich nach seinem Eintreten von selber geschlossen und Kalmer richtete nun ein paar kritische Worte an sein Spiegelbild:
„Nervös, alter Junge?“
Ein wunderschöner, charismatischer Ritter, gekleidet in eine prunkvolle Rüstung stand ihm gegenüber und grinste breit.
„Wer bei sowas keine Angst hat, ist entweder dumm, oder verrückt!“, antwortete das Spiegelbild mit einem altbekannten Spruch und er nickte, sich selbst damit bestätigend.
Anschließend gähnte er herzhaft und machte sich an seinem breiten Gürtel zu schaffen.
Dies hatte zur Folge, dass die glatte Oberfläche der Plattenpanzer auf seiner Rüstung ermatteten und in Folge flauschig wurden. Sekunden später entledigte sich Kalmer eines kuscheligen Schlafanzuges und gönnte seinem Adoniskörper ein erholsames Bad. Schnell verschwand sein Kopf im weißen Schaum des dampfenden Beckens und er tauchte Minuten später prustend wieder auf, mit ein paar Rosenblättern auf der Stirn und im Haar.
Schwert, Armbrust und Schild lagen am Boden. Sinnierend betrachtete er das Wappen auf dem Schild – sein Wappen – ein Schwert und eine Rose. Axel Rose wäre neidisch, der schönen Verarbeitung wegen, da war sich Kalmer sicher.

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