AN#1 Karaoke Bar


Kategorie: Autor:

Er traute seinen Augen nicht. Iwan fläzte da ganz gemütlich auf einer Ledercouch in der Karaoke Bar des Park Hotels und sah gelangweilt einer dem ersten Anschein nach deutschstämmigen jungen Dame zu, wie diese eine recht eigenwillige Interpretation von „Atemlos“ von Helene Fischer zum Besten gab.
Das Hotel insgesamt war recht gut ausgebucht, was auf die niedrigen Preise (sieben Tage für lediglich umgerechnet 130 Euro – es wurden nur Dollar oder Euro akzeptiert) zurückzuführen war. Nachdem Mariupol sehr nahe am Krisengebiet lag, waren diese Preise nicht überraschend. Überraschend war eher, dass es Leute gab, die sich so eine Gelegenheit für einen Billigurlaub in einem Luxushotel zunutze machten, dachte er. Im Hotel weilten also sehr viele Leute, aber die Karaoke Bar war überraschend verwaist. Es gab etwa 20 Sitzgruppen. Schwere Ledersessel und Glastische. Aber nur drei waren besetzt. Eine Gruppe ukrainischer Offiziere saß tief in ihren Sesseln, rauchte Zigaretten und folgte aufmerksam den Bewegungen der Sängerin auf der leicht erhöhten Bühne in der Mitte des Raumes. Iwan, zwei andere Männer vom Beamtentyp und zwei junge Mädchen in aufreizender Kleidung, die immer wieder mal albern kicherten, saßen direkt bei der Bühne. Eine riesige, sicher unglaublich teure Flasche Sekt, drei Flaschen teurer Wodka (Igor kannte sich da aus), viele Dosen eines Energydrinks, sowie ein paar Flaschen Mineralwasser, Cocktailgläser und Teller mit Kaviar nahmen die Oberfläche des Glastisches fast vollständig ein. Iwan schien schon tief ins Glas geschaut zu haben und hatte einen meist ziemlich starren Blick aufgesetzt, mit dem er Richtung Bühne schaute. An der Bar standen zwei Männer, welche sich wie Geschäftsleute gekleidet hatten und ausländisches Bier aus der Flasche tranken. Es sah nach Corona aus. Am dritten besetzten Tisch saßen Igor und sein Gast. Sein Gast hieß Irina. Er hatte sie am Hotelparkplatz kennengelernt. Sie brauchte Geld – er ein Alibi. Es gefiel ihr hier und sie genoss es wahrscheinlich auch, dass er nichts von ihr wollte außer Ihrer Anwesenheit. Nach Außen gaben sie vermutlich das Bild eines gealterten, griesgrämigen, schlecht gekleideten, irgendwie zu Geld gekommenen Mannes ab, der sich eine viel jüngere Frau leistete, die ihn aber eigentlich mit Ihrem Gerede ziemlich nervte. Das mit dem Nerven stimmte, denn sie redete wirklich immerzu von irgendeiner Castingshow, bei der es eine Reise nach Moskau zu gewinnen gäbe und wo sie schon mal fast mitgemacht hätte…
Alibi hin oder her – dieses Gerede lenkte ihn ungemein ab und er hätte fast übersehen, dass Iwan mit einem der ‚Beamten‘ in Streit geraten war. Es ging um Geld. Große Summen wurden genannt – nein – eher geschrien. Aber er verstand nicht, worum es ging. Die Musik war zu stark aufgedreht und darum drangen nur die lautesten Worte zu Igor durch. Den Gesten nach zu schließen schien aber viel Aggression aufzukommen. Der zweite Beamte mischte sich ein und die Gesichter färbten sich rot vor Aufregung. Was geht da vor sich? fragte sich Igor, der jedes Detail aufzuschnappen versuchte und sich dem Abschluss seines Auftrages schon recht nahe sah.
Bevor er seine Gedanken zu Ende führen konnte, hörte das Lied auf und die blonde Dame schritt mit grazilem Hüftschwung von der Bühne auf die Sitzgarnitur mit den Streithähnen zu. Der Applaus von den ukrainischen Offizieren ließ sie kurz schelmisch in deren Richtung blicken. Dann aber sagte sie mit kalter schneidender Stimme etwas, was Iwan sofort erblassen und verstummen ließ. Die Dame setzte sich elegant auf ihren Platz, nahm ein Cocktailglas zur Hand und alle Personen stießen mit den Gläsern zusammen und prosteten sich freundlich zu. Die Situation war nicht wiederzuerkennen und es wurden fröhliche, freundliche Floskeln ausgetauscht, welche Igor aufgrund der wieder einsetzenden Hintergrundmusik (‚Take on me‘ von Aha) wieder nicht verstehen konnte.
Aber zwei Dinge hatte er mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit verstanden. Es wurde von ‚Aufbruch‘ und von ‚Morgen früh‘ gesprochen. Nun begannen sich bei ihm im Kopf die Räder zu drehen. Wenn diese Gruppe morgen aufbrechen wird und wenn das zwei wichtige Beamte waren – dann würden sie eventuell zur Buk-Raketenstellung fahren. Oder woanders hin. Und da Igor davon ausging, dass die beiden Damen gekaufte Prostituierte zur Bestechung der Beamten waren und die schöne Unbekannte eine Nummer zu groß für Iwan war, musste dessen Liebelei woanders zu finden sein. Igor sollte tunlichst erfahren, wo es hinging. Und er musste es sehr bald erfahren, weil nur bis morgen früh Zeit zu sein schien. Also wartete er, bis Iwan als erster der Gruppe die Bar verließ, zahlte auch, verabschiedete sich von Irina und folgte Iwan unauffällig.

Previous Post Telegrafenamt